Besenkammer mit Bett
Das Schicksal einer illegalen Hausangestellten in Lateinamerika

 

Horlemann Verlag, Unkel

März 2005, 248 Seiten,  Broschur
€ 12,90 / sFr. 22.70
ISBN 3-89502-200-4



 

Worum geht´s?

Lateinamerika ist ein Kontinent der krassen sozialen Gegensätze. Für die wenigen Reichen ist er das Paradies, für die vielen Armen die Hölle. Sie schinden sich für Hungerlöhne, nehmen Misshandlungen, Ungerechtigkeiten oder ein Leben in der Illegalität in Kauf. Vor allem Frauen sind Opfer der Verhältnisse. Über zwanzig Millionen verdingen sich als Hausangestellte, weil die Gesellschaft ihnen keine Ausbildung ermöglicht, ihnen der erlernte Beruf kein Auskommen bietet oder weil sie keine Stelle finden. Weil sie überleben müssen. Die Peruanerin Catalina, die sich ohne Papiere in Argentinien als Hausmädchen verdingt, ist eine Kunstfigur, doch was sie erleidet, ist traurige Wirklichkeit, von der Autorin in zwanzig Jahren journalistischer Arbeit in Lateinamerika recherchiert. So ist Catalinas Geschichte eine wahre Geschichte.

 

Die Presse schrieb:

... Eva Karnofsky hat ein Buch aus vielen überaus traurigen Geschichten gemacht, die sie im Laufe der Jahre gehört hat, und, um es gleich vorweg zu nehmen, es ist ein sehr gutes Buch geworden. ... Die Qualität des Buches rührt unter anderem daher, dass Karnofsky mehr getan hat als das, was sie als Journalistin gelernt hat - objektiv zu berichten, Zeugenaussagen zu sammeln und zu addieren, sich mit einer Meinung zurückzuhalten. Das alles hat sie zwar durchaus geleistet, ihre Recherchen aber dann in die Form einer Erzählung gegossen. Dafür hat sie ein Hausmädchen namens Catalina Vázquez erfunden, in deren Lebensgeschichte all jene Berichte eingegangen sind, welche die Autorin unter anderem von ihrem eigenen Hausmädchen, Liduvina Campos, von deren Schwestern und Freundinnen gehört hat, und die zu einem paradigmatischen Schicksal verschmolzen sind.
Cathrin Kahlweit,  Süddeutsche Zeitung v. 27. Juni 2005   

... Niemand, der dieses Buch liest, wird unberührt bleiben können von der Geschichte dieser Frauen. Und vielleicht führt die Lektüre sogar dazu, dass diejenigen, deren Wohnungen von einer Filipina oder Ukrainerin geputzt werden, einmal ein paar Fragen stellen, sich für das Leben ihrer stillen, ständig von Abschiebung bedrohten Helferinnen zu interessieren.
Renate Faerber-Husemann, SWR2, 27. Juli 2005
 
... Ein interessanter Roman über ein bisher wenig zur Sprache gebrachtes Gesellschaftsproblem in Lateinamerika. Berührend, erschütternd, zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema anregend. 
Elisabeth Wagner, an.schläge 05/2005


Leseprobe

...Wenn morgens früh der Wecker klingelt, fühlt sich Cata wie zerschlagen. Sie schläft nie mehr als sechs Stunden, manchmal sogar weniger. Auch wenn die Iturraldes keine Gäste haben, sind die Nächte kurz. Nie essen sie vor zehn Uhr zu Abend, und vor Mitternacht ist die Küche nie aufgeräumt. Jeder Tag gleicht dem anderen: Früh um kurz nach sechs Uhr steht sie auf, nimmt eine Dusche, putzt das Haus, schrubbt Toiletten, fegt die Terrasse, jätet Unkraut, spült, kauft ein, schleppt Berge von Kleidern in die Reinigung, füttert und kämmt den Hund und säubert dessen Zwinger. Der Hund, ein schöner Rottweiler namens Quick, gewöhnt sich schnell an sie. Er freut sich, wenn sie kommt und eine Weile mit ihm im Garten spielt. Der Señor richtet nie das Wort an sie, und die Señora spricht nur mit ihr, um ihr etwas aufzutragen oder sich zu beschweren. Gott sei Dank ist sie meist unterwegs. Nach ein paar Tagen begreift Cata, dass Adriana und sie für ihre Herrschaften Maschinen sind: Man kauft sie, und dann haben sie zu funktionieren. Bleiben sie stehen, haut man mit der Faust dagegen. Und wenn das nicht hilft, kauft man neue. Wie die Maschinen haben sie keine Geschichte, keine Gefühle, keine Gesundheit. Und keine Sorgen. Sie laufen, oder sie laufen nicht. So einfach ist das.

 

Ab Samstag mittag hat Adriana frei, und Cata muss die Herrschaften allein bedienen. Zwar ist sie nach den Achtzehn-Stunden-Tagen so erschöpft, dass sie einen Tag Pause nötig hätte, und doch sie freut sich, dass sie arbeiten kann. Der Wochenenddienst wird schließlich extra entlohnt, und jeder Cent kommt ihr gelegen. Sonntags frühstückt die Señora nicht im Bett, sondern mit ihrem Mann im Wohnzimmer. Erst um zehn Uhr, so dass auch Cata zumindest ein wenig länger schlafen konnte. Sie vergisst prompt, die Zeitung auf den Tisch zu legen, denn das ist wochentags Adrianas Aufgabe. Der Toast gerät ihr nicht kross genug und im Orangensaft schwimmt ein Kern. Doch sie nimmt es schon kaum noch wahr, wenn die Señora sie mit unfreundlichen Worten bedenkt. Sie sagt nur immer brav: „Ja, Señora, ist gut, Señora.“ Mehr will Frau Iturralde ohnehin nicht hören. Catas Gesicht müsste sie die Gleichgültigkeit ansehen, doch die Señora macht sich nicht die Mühe, ihr ins Gesicht zu schauen. Nach dem Frühstück ziehen sich die Herrschaften wieder in ihr Schlafzimmer zurück, kurz vor Mittag kommt die Señora in die Küche und legt ihr zwei Pesos auf den Tisch. Sie soll sich davon am Schnellimbiss um die Ecke eine Wurst kaufen, sie seien zum Grillen eingeladen und würden erst spät zurück sein. Zwei Dollar. Da kann sie sich aussuchen, ob sie zwei Würstchen isst oder zu einer Wurst ein Wasser trinkt.

 

Als sie das Schlafzimmer aufräumt, findet sie vor dem Bett ein benutztes Kondom. Einen Moment lang ist sie versucht, es gut sichtbar auf dem Kopfkissen zu platzieren. Doch was bringt ihr das? Nichts. Nur neuen Ärger. Das Präservativ ist für sie der endgültige Beweis, dass sie für die Iturraldes kein Mensch, sondern ein Roboter ist. Gegenüber einem Menschen hätten sie Schamgefühl. Adrianas Dienst beginnt am Montag um sieben Uhr, und wenn sie eingetroffen ist, darf Cata gehen, um ihren freien Tag zu nehmen. Doch Adriana kommt nicht. So bleibt Cata nur, trotz des freien Tages das Frühstück vorzubereiten. Als Adriana auch um acht Uhr noch nicht erschienen ist, beginnt Cata sich zu sorgen. Ihr muss etwas zugestoßen sein, denn die Kollegin nimmt es sehr genau mit der Pünktlichkeit. Als Cata der Señora das Frühstück serviert, macht Frau Iturralde ihrem Ärger Luft: „Ihr seid doch alle gleich. Unpünktlich und faul. Adriana glaubt wohl, sie könne sich das jetzt leisten, weil du ihre Arbeit übernehmen kannst. Doch nicht mit mir. Die kann was erleben, wenn sie kommt. Ich werde ihr jede Stunde vom Lohn abziehen.“ „Vielleicht ist ihr etwas passiert, Señora“, wendet Cata ein. „Passiert? Was soll der schon passieren? Verschlafen hat sie, du wirst schon sehen.“ Als Cata gerade beginnen will, das Abendessen vorzubereiten, kommt Adriana endlich. Sie sieht furchtbar aus. Sie ist ungekämmt und blass, und sie weint. „Sie haben gestern Abend meine Schwester auf einer Parkbank gefunden. Sie ist tot.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Ekkehart Malz

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