Die Straße der Tugenden
Eine kubanische Familienchronik

 


Horlemann Verlag, Unkel
Okt. 2008, 360 Seiten, gebunden
€ 19,90
ISBN 9783895022753



Worum geht´s?

Ein packender, einfühlsamer und glänzend recherchierter Roman über eine Familie von vier starken Frauen, der die private Geschichte der kubanischen Revolution von 1959 bis heute erzählt. Während in der Silvesternacht 1959 bärtige Revolutionäre den blutrünstigen Diktator aus Havanna vertreiben, bringt Hortensia in der ärmlichen Bauernkate ihre dritte Tochter Chachi zur Welt. Nie hätte sich Hortensia zu erhoffen gewagt, einmal ihre drei Mädchen auf die Schule zu schicken, nie hätte sie auch nur davon geträumt, dass sie einmal die Universität abschließen würden. Sogar Hortensia schafft es bis an die Kasse einer Cafeteria in Havanna. Chachi ist nicht nur so alt wie die Revolution, sie wird ihr auch einmal das Leben, ihre Karriere als Ballerina, ihr Stipendium in Moskau verdanken - und ihren Tod.

 


 

Die Presse schrieb:

.. der Roman ist klug aufgebaut, gekonnt geschrieben und bestens recherchiert. Er bietet dem Leser gute Unterhaltung und informiert ihn über den Alltag der kleinen Leute in Kuba wie kaum ein anderes Buch. ... Die Journalistin Karnofsky lässt der Erzählerin Karnofsky stets den Vortritt. Resultat ist ein ehrliches und gutes Buch.
Rudolf Haffner, Rheinische Post,  22. Dezember 2009

... Gerade der Verzicht auf spektakuläre Ereignisse ermöglicht ein treues Bild des Alltags im Kuba Castros.
Walter Haubrich, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Mai 2009

... Aus ganz verschiedenen Blickwinkeln entsteht ein faszinierendes, umfassendes und nachhaltig erschütterndes Bild des Landes und seiner Menschen. Sehr empfohlen! ...
Buchprofile, 06. Mai 2009


Leseprobe

...Es wird bald so weit sein, sagte die Mutter am Morgen, und strich sich über den angeschwollenen Leib, bevor sie in der Küche das Kohlenfeuer schürte, um die Milch für die beiden vierjährigen Töchter aufzusetzen und gekochten Maniok vom Vortag für ihren Mann zu braten. Er musste kräftig essen, denn die Arbeit auf dem Feld zehrte. Gott sei Dank hatte er Arbeit. Im vergangenen Jahr hatte er monatelang zu Hause gesessen, weil der Patrón nicht so viele Hände brauchte. Ein Teil seiner Tabakpflanzen war nicht angegangen, und folglich gab es weniger zu ernten. Da mussten sie von dem leben, was der halbe Hektar und das Gärtchen hinter dem Haus abwarfen, die Hortensia von ihren früh verstorbenen Eltern geerbt hatte. Zum Schluss hatten sie nicht einmal mehr Geld für Reis. Und wenn ihr Mann keinen Reis zum Essen bekam, war er unleidlich. Ein Kubaner braucht Reis, sagte er immer. Am liebsten hätte Hortensia welchen angebaut, doch er wächst nicht auf den Böden der Gegend. Hortensia betete jeden Morgen und jeden Abend zur Mutter Gottes, dass die zehn Hühner gut legten und die Kuh genügend Milch für die Zwillinge gab. Oder vielleicht sogar ein bisschen mehr, damit sie den Überschuss bei Carmen, der Nachbarin, gegen Kartoffeln oder etwas Reis eintauschen konnte. Deren Mann Ramón war auf dem Hof des Patrón als Vorarbeiter fest angestellt. Hoffentlich war der Herr ihr gnädig und ließ dieses Kind schnell zur Welt kommen! Einen Tag und eine Nacht hatte sie damals gekämpft, bis sie endlich die erlösenden Schreie der Zwillinge hörte. Sie hatte geglaubt, es würde sie zerreißen. Diesmal würde es einfacher, hatte die Comadrona behauptet, und sie war eine Hebamme mit Erfahrung. Weil sie nach den Zwillingen viel weiter sei. Sie war am Heiligen Abend in die Kirche von San Juan de Remedios gefahren und hatte für die Jungfrau eine Kerze entzündet. Und ihr versprochen, dass sie auch dieses Kind, wenn es ein Mädchen würde, wieder nach ihr benennen würde. María Mercedes sollte es heißen. Auch die Zwillinge, María Antonia und María Belén, hatte sie ihr anempfohlen. Vorsichtshalber stellte sie für den Heiligen Johannes, den Schutzpatron der Stadt, ebenfalls eine Kerze auf. Wenn es ein Junge würde, sollte er wie ihr Mann seinen Namen tragen, Juan.

Hortensia fegte den gestampften Lehmboden ihres Hauses besonders gründlich. Womöglich lag sie morgen in den Wehen oder war zu schwach für die Hausarbeit. Sie scheuerte die Spülschüssel, stellte mehrere Eimer abgekochtes Brunnenwasser in die Küche, bezog das Ehebett frisch und legte Tücher bereit, wie die Comadrona es ihr geraten hatte. Ihren Töchtern trug sie auf, ganz still und brav zu sein und zu tun, was der Vater sagt, wenn die Comadrona kommt. Vielleicht schon morgen würden sie ein Schwesterchen oder ein Brüderchen haben. Beli wollte wissen, ob es bei ihr im Bett schlafen und ob sie ihm zu essen geben dürfe. Beli war ein aufgewecktes, tatkräftiges Kind, das man nicht aus den Augen lassen konnte. Was hatte sie nicht schon alles an gerichtet! Sie hatte Erde gegessen, weil sie sie probieren wollte, die Hand ins Feuer gehalten, weil es so weich aussah, die Luft aus dem Fahrrad des Vaters gelassen, weil es so schön zischte. Und immer wieder stürzte sie oder verletzte sich. Mari dagegen war ruhig. Sie blieb am liebsten bei ihr im Haus und spielte mit den beiden Puppen, die der Patrón ihnen zu Weihnachten geschenkt hatte. Beli hatte ihre kaum jemals angerührt. Mari wollte ihr sogar schon zur Hand gehen. Sie stellte vor dem Essen die Teller auf den groben, selbst gezimmerten Holztisch, obwohl sie kaum heranreichte. Sie waren Zwillinge und doch so verschieden. Selbst äußerlich glichen sie sich kaum. Beli hatte die schwarzen, unbändigen Locken ihres Vaters geerbt, und Mari hatte glatte, braune Haare, wie sie in Hortensias Familie häufig vorkamen. Maris Haut war heller und empfindlicher und ihre Augen honigfarben, während Beli wie aus schwarzen Kohlen in die Welt blickte. Nicht einmal gleich groß waren sie, Mari überragte ihre Schwester um mindestens drei Zentimeter. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam Juan nach Hause. Der Patrón hatte ihn nach Remedios geschickt, weil er etwas für ihn einkaufen sollte. Es sei alles ruhig in der Stadt. Die Soldaten seien verschwunden, dafür atrouillierten ein paar bärtige Rebellen durch die Straßen. Als sie am Heiligen Abend die Messe besuchten, hatten sie sie auch bereits gesehen. Zwei Tage zuvor waren sie gekommen, und schon am nächsten Tag hatten sie unter dem Kommando eines Mannes, den sie den Che nannten und von dem Juan schon einmal im Aufständischen-Sender Radio Rebelde gehört hatte, die Regierungstruppen vertrieben. In der Stadt hatte es Kämpfe gegeben, doch auf dem Land war es friedlich geblieben. Der Pfarrer hatte in seiner  Weihnachtsmesse dazu aufgerufen, die Aufständischen zu unterstützen, weil sie mit dem Laster in Havanna aufräumen würden. Mit den Spielkasinos und den Prostituierten. Über zweitausend arme Seelen verkauften in der Calle Virtudes ihren Körper, rief er voller Abscheu von der Kanzel. Straße der Tugenden. Welch schöner Name, dachte Hortensia und ahnte nicht, dass sie selbst einmal dort wohnen sollte. Doch wie den meisten Leuten war ihr das Laster gleichgültig. Sie hielten es mit den Rebellen, weil sie sich von ihnen ein besseres Leben erwarteten. Nach Havanna kamen sie nie, und für Kasinos und leichte Mädchen hatten sie kein Geld. Selbst der Patrón war für die Bärtigen. Auf dem Hof wurde sogar gemunkelt, er habe sie mit Geld für Waffen unterstützt. Juan schloss es nicht aus, denn schließlich gehörte der Patrón zur Orthodoxen Partei, deren Präsident Carlos Prío vor gut sechs Jahren von Diktator Batista aus dem Amt geputscht worden war. Bei einer Studentendemonstration gegen den Putsch in Havanna war ein Neffe des Patrón erschossen worden. Einige Arbeiter auf dem Hof behaupteten, der Patrón sei auch gegen Batista, weil dieser Mulatte war. Und Mulatten traute er nicht. Der Patrón hatte Juan einmal eine Zeitschrift angeboten, in der etwas über die Ziele der Rebellen stand, doch Juan und Hortensia konnten nicht lesen. Ihre Eltern hatten kein Geld gehabt, um sie jeden Tag nach Remedios auf die Schule zu schicken, und Juan und Hortensia zerbrachen sich schon jetzt den Kopf darüber, wie sie die Bücher für drei Kinder bezahlen sollten. Und wo sollten sie das Geld für die Fahrräder hernehmen, damit die drei in die Stadt fahren konnten?

Nach dem Abendessen brachte Hortensia die Zwillinge zu Bett. Sie hatten ihr eigenes kleines Schlafzimmer in ihrem Bohio, auf den Hortensia und Juan sehr stolz waren, weil seine Wände nicht aus Palmblättern geflochten, sondern aus dem Holz der Königspalme gezimmert waren. Viele Tagelöhner konnten sich das nicht leisten. Als sie sich gerade zu Juan auf die Bank vor dem Haus setzen wollte, spürte sie das erste Ziehen im Rücken. Juan lief gleich los, und nach einer knappen Stunde kam er mit der Comadrona zurück. Sie war eine resolute, dicke Frau um die sechzig, und sie hatte auch schon Hortensia auf die Welt gebracht. Hortensia hatte sich bereits auf das Bett gelegt. Die Comadrona weckte die Zwillinge unsanft und scheuchte sie aus dem Zimmer, damit sie durch die dünnen Holzwände die Schreie der Gebärenden nicht hörten und womöglich Angst bekamen. Der Vater wollte sie in die Hängematte vor der Tür legen, damit sie weiterschliefen, und Mari legte sich widerspruchslos hin. Beli bestand jedoch darauf, mit dem Vater in der Stube zu warten, bis das Kind geboren war. Nach einer Weile schlief sie auf seinem Schoß ein, und er bettete sie neben ihre Schwester. Eine Stunde vor Mitternacht war María Mercedes geboren. Sie war größer und schwerer als ihre Schwestern bei der Geburt. Die Comadrona wickelte sie, befestigte einen kleinen, schwarz-glänzenden Gagatstein an einem roten Stoffband gegen den bösen Blick an der Windel, und gab Juan seine dritte Tochter auf den Arm. Dann wandte sie sich wieder der Mutter zu. Nach einer Weile ging sie hinter das Haus, um die Plazenta zu vergraben, und dann verabschiedete sie sich. Juan legte das Kind neben die Mutter und holte einen Teller mit Weintrauben an ihr Bett. Er hatte sie aus Remedios mitgebracht, obwohl sie ein Vermögen kosteten. Als die Küchenuhr zwölf schlug, aßen beide zwölf Trauben, die ihnen Glück im kommenden Jahr bringen sollten. Erst zwei Tage später, als Juan wieder auf den Hof ging, erfuhr er, dass Batista und seine engsten Getreuen in der Silvesternacht in einem Flugzeug das Land verlassen und die Rebellen in Santiago de Cuba Einzug gehalten hatten. Die Bevölkerung hatte ihnen einen triumphalen Empfang bereitet. Der Patrón war so selig, dass er jedem Arbeiter etwas Geld schenkte. Er war kein schlechter Patrón. Nie hatte er einem Tagelöhner die Guardia Rural, die Landpolizei geschickt, um ihn mit Gewalt von dem Stückchen Land zu vertreiben, dass er nach Feierabend bearbeitete. Sein Vater allerdings hatte sich auf diese Weise Felder angeeignet, damals, als Hortensia noch ein kleines Mädchen war, in den Dreißigerjahren. Ihre Eltern hatten immer davon erzählt und manchmal selbst gezittert. Ihre Familie traf es jedoch nie. Wie oft hatten sie gehört, dass  Großgrundbesitzer auch in den letzten Jahren noch die Äcker ihrer Leute mit Hilfe der Guardia stahlen! Selbst ein Besitztitel nützte da nichts, denn die Großbauern bestachen Justiz und Landpolizei. Ihr Patrón lag auch nicht faul in der Hängematte, sondern  fasste selbst mit an. Er hielt nun eine kleine Ansprache, dass es jetzt wieder aufwärts gehen würde. Dass niemand mehr fürchten müsse, auf offener Straße erschossen zu werden. Und dass Kuba nun nicht mehr länger den amerikanischen Freunden Batistas, sondern den Kubanern gehören würde. ...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Ekkehart Malz

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Seit Ende Oktober 2016 berichte ich regelmäßig für den Hörfunk des WDR aus dem Kreis Wesel und für die Rheinische Post aus Xanten und Rheinberg. 

 

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